malerei skulptur installation fotografie

Anja
Ganster

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  • Vita

     

    1968
    geboren in Mainz

     

    1995
    Diplom Kommunikationsdesign an der FH Wiesbaden

     

    1995–98
    Lehrauftrag für Druckgrafik und Gestaltungsgrundlagen an der FH Wiesbaden

     

    2001
    Diplom, Akademie für Bildende Kunst Mainz

     

    2005
    MFA Painting, Slade School of Fine Art, London

     

     
    Auszeichnungen

     

    2014
    Artist in Residence „Rural Scapes“, Fazenda Santa Teresa, Sao Paulo, Brasilien

     

    2013
    Unterstützung durch den Fachausschuss Audiovision und Multimedia der
    Kantone Basel-Stadt und Basel-Landschaft für die Installation „Deslocamento“

     

    2010
    Zonta Regio Kunstpreis

     

    2008
    Finalist International Painting Prize Guasch Coranty Foundation, Barcelona, ES

     

    2006
    Artist in Residence, Bartels Stiftung ‚Zum kleinen Markgräfler Hof‘, Basel, CH
    Sovereign Art Prize (Finalist shortlist), London, UK

     

    2005
    Joyce West Scholarship, London, UK

     

    2004
    Slade Project Award

     

    2003
    Postgraduate Award Art and Humanities Research Board, UK;
    Kulturfonds Mainzer Wirtschaft

     

    2002
    Atelierstipendium, Ses Salinas, Mallorca, ES;
    ‚Cité Internationale des Arts Paris‘, F

     

    2001
    ‚Artist in Residence‘ der bhg & s fine art gallery und
    academy of design@docklands, Melbourne, AUS

     

    2000
    Reisestipendium des Ministeriums für Kultur des Landes
    Rheinland-Pfalz für Australien

     

    1999
    Kunstpreis Malerei 99 der Sport-Toto Gesellschaft Rheinland-Pfalz

     

     

    Ausstellungen

     

    Einzelausstellungen (Auswahl)

     

    2017
    Gezeitenreibung (Konstellation 6), Museum Franz Gertsch, CH
    Art Karlsruhe One Artist Show, Cerny + Partner, Wiesbaden

     

    2016
    Entre Espacios-Zwischen Räumen, Galerie Cerny + Partner, Wiesbaden
    Entre Espacios, Galerie Ekain Arte Lanak, San Sebastian

     

    2014
    Passage Ways, Galerie Cerny + Partner, Wiesbaden

     

    2013
    Deslocamento, Stiftung Brasilea, Basel
    Revisiting #2, Kunstverein Niebüll, Niebüll

     

    2012
    WANDELHALLE, Mannheimer Kunstverein
    WANDELHALLE, Kunsthalle Ziegelhütte, Appenzell, CH

     

    2011
    THE VISITOR, Locuslux Gallery, Amsterdam, NL
    REVISITING, Art Etage, Biel/Biennes, CH

     

    2010
    Entlang der Krümmung, Galerie Cerny + Partner, Wiesbaden
    Entlang der Krümmung, Essenheimer Kunstverein

     

    2009
    MALEREI, Neue Galerie Landshut e. V. (mit Ulla Maibaum)
    Von der Substanz des Lichts, Städtische Galerie Eichenmüllerhaus
    Galerie Michael Schmalfuss, Marburg (mit Wolfgang Ellenrieder)

     

    2008
    New Work, Galerie CP Wiesbaden

     

    2006
    Painting, Wyer Gallery, London, UK
    Arbeiten aus Basel, Stiftung ‚Zum kleinen Markgräflerhof‘, Basel, CH

     

    2005
    Malerei aus drei Jahren, Galerie CP Wiesbaden

     

    2004
    Passagenorte Rudolpf-Scharpf Galerie, Wilhelm-Hack-Museum, Ludwigshafen (Katalog)
    Malerei, Ernst & Young AG, Frankfut/Main
    Malerei, Kunstverein Trier Junge Kunst e. V.

     

    2003
    Malerei/Plastik, (mit Bruno Feger), Bellevue-Saal, Wiesbaden (Katalog)

     

    2002
    Malerei, Essenheimer Kunstverein
    Neue Landschaftsperspektiven, Kunstverein Bad Dürckheim (mit Siegfred Räth)

     

    2001
    Artist in Residence, bhg&s Fine Arts Gallery, Kyneton, Victoria, AUS
    Visual Encounters by a TRaveller, Westbank Gallery, Melbourne, AUS

     

     

    Ausstellungsbeteiligungen (Auswahl)

     

    2014
    RURAL SCAPES, Paço das Artes, Sao Paulo, Brasilien

     

    2013
    Construction, u.a. mit Andreas Gursky, Candida Höfer, Franziskus Wendels, Thea Gelker
    10 Jahre Stiftung Brasilea, Stiftung Brasilea, Basel

     

    2012
    Change of View, mit Miriam Boser, Susanne Frankhauser und Geneviève Morin, BLG-Halle, Basel CH
    Kunstkredit 2012, Depot, Basel CH

     

    2010
    DIE NATUR DER KUNST IST DIE NATUR, Walkmühle Wiesbaden
    WEGBEREITER, WEGBEGLEITER – Museum für aktuelle Kunst, Sammlung Hurrle, Durbach
    RECORDED PAINTING, Periscope Salzburg zu Gast im Atelier Frankfurt/Main
    TUNIERPFERDE, im Rahmen des Mentoringprogramm für Bildende Künstlerinnen, TUFA Trier
    FABRIK OUVERT, FabrikCulture Hegenheim, F

     

    2009
    Ernte 08, Ankäufe der Kunstsammlung des Kantons Basel-Landschaft, Basel, CH
    group show, Galerie Artists, Wyer Gallery, London, UK
    Recorded Painting, Periscope, Salzburg, AT

     

    2008
    Regionale 9, Stapflehus, Weil am Rhein
    Fluchten, Kunstverein Walkmühle, Wiesbaden
    Insight out, mit Guillermo Martin Bermejo, Geneviève Morin und
    Monika Ruckstuhl, Wyer Gallery, London, UK (kuratiert von Anja Ganster)
    Finalisten des Guasch Coranty International
    Painting Prize, Barcelona, ES (Katalog)

     

    2007
    Neue Malerei. Aus dem Museum Frieder Burda, Baden-Baden, Museum im Prediger Schwäbisch Gmünd, mit Sabine Dehnel, Tim Eitel, Eberhard Havekost, Anton Henning, Karin Kneffel, Damian Loeb, Heribert C. Ottersbach, Simon Pasieka und Florian Thomas
    Von der Schönheit des Alltäglichen, Galerie Epikur, Wuppertal (Katalog)
    Regionale 8, Kunstverein Freiburg

     

    2006
    Neue Malerei – Ankäufe 2002–2006, Museum Frieder Burda,
    Baden-Baden (Katalog), mit Georg Baselitz, Herbert Brandl, Sabine Dehnel, Tim Eitel, Bernhard Frize, Eberhard Havekost, Anton Henning, Karin Kneffel, Susanne Kühn, Heribert C. Ottersbach, Simon Pasieska, Dirk Skreber, Matthias Weischer, Corinne Wasmuth
    Souvereign Art Prize, Bonhams London, UK, (Katalog)

     

    2005
    A SHARP INTAKE OF BREATH, Beldam Gallery, Uxbridge London, UK
    NEW PAINTINGS BY RECENT GRADUATES, The Wyer Gallery, London, UK
    FRESH MILK, Current Slade Painters, Milkstudio Gallery, New York, US

     

    2004
    Welcome to cassland, Cassland Showroom, London, UK

     

    2003
    Emy Roeder Preis, Wilhelm-Hack-Museum, Ludwigshafen (Katalog)

     

    2000
    Künstleratelier Atelier Neun, Landtag Mainz

     

    1999
    Kunstpreis der Sport-Toto Gesellschaft, Koblenz

     
     

    Arbeiten in öffentlichem Besitz

     

    Museum Frieder Burda, Baden-Baden
    Kunstsammlung Kanton Basel-Landschaft
    Westdeutsche Immobilienbank
    Museum für aktuelle Kunst – Sammlung Hurrle, Offenburg
    Kunstsammlung des Landes Rheinland-Pfalz
    Universität Mainz, Fachhochschule Wiesbaden
    Staatstheater Mainz
    Central Australian Art Society, Alice Springs, Australien
    academy of design@docklands, Melbourne, Australien
    GAM London; Ernst&Young Frankfut/Main
    The David Roberts Collection, London

     
     

    Publikationen

     

    Deslocamento, Stiftung Brasilea, Basel, 2013
    Wahlverwandschaften, Aktuelle Malerei und Zeichnung aus dem museum Frieder Burda
    Franz Gertsch Museum, Burgdorf, Wienand Verlag, 2013
    Deslocamento, Stiftung Brasilea, Basel, 2013
    Wandelhalle / Passage Ways, Kerber Verlag, 2012
    Wegbereiter-Wegbegleiter, Museum für aktuelle Kunst, Sammlung Hurrle, 2010
    Entlang der Krümmung / Alongside the Curvature, Kerber Verlag, 2009
    Recorded Painting, Periscope, Salzburg, 2009
    Guasch Coranty International Painting Prize, Barcelona, 2008
    Fluchten, Künstlerverein Walkmühle, Wiesbaden, 2008
    Von der Schönheit des Alltäglichen, Galerie Epikur, Wuppertal, 2007
    Neue Malerei – Erwerbungen 2002–2005, Museum Frieder Burda, Baden-Baden, Hatje Cantz 2006
    Souvereign Art Prize, Bonhams, London, 2006
    Passagenorte / Places Passed, Wilhelm-Hack-Museum, Ludwigshafen, 2004
    Emy Roeder Preis, Wilhelm Hack-Museum-Ludwigshafen, 2003
    Malerische Reisprotokolle / Travel Protocols in Painting, Bellevuesaal Wiesbaden e. V., 2003

     

    Felicity Lunn
    Anja Ganster. Entlang der Krümmung

     

    Die Bildräume, die Anja Ganster in ihren Innenansichten schafft, sind ebenso anregend wie auch verwirrend. Der erste und bleibende Eindruck ist, man sei zufällig in ein Bild eingetreten – in Umgebungen, deren Atmosphäre derart aufgeladen ist, dass jedes Detail geradezu mit Energie pulsiert. Es ist spürbar, dass die Bilder für Ganster einen autonomen Ort darstellen, wo sie Dinge erkunden kann, die in der Wirklichkeit schwer zu begreifen sind. Die Themen, die die Künstlerin vorwiegend beschäftigen – Raum, Zeit und Bewegung – stehen miteinander in Verbindung, sowohl in Bezug auf die Gestaltung der Bilder wie auch intellektuell durch ihre Beziehung zum Licht. Es ist vor allem Gansters Umgang mit Licht, der die Wahrnehmung der Interieurs als Orte prägt und Dimensionen der Wirklichkeit freilegt, die dem Betrachter normalerweise verborgen bleiben.

     

    In der Malerei zeigt sich Licht meist als Gegenstück zum Schatten oder nimmt als farbenveränderndes Mittel eine zentrale Stelle ein – in Gansters Arbeiten wird es darüberhinaus zu einer beinahe tastbaren Substanz. Zwischen den Dingen und um sie herum erscheint das Licht so greifbar wie die festen Gegenstände. Dargestellt in den Farbabstufungen der es umgebenden Stühle, Schaufenstereinrichtungen, Ziergegenstände, vermittelt das Licht nicht nur den Sonnenschein, der den Raum mit Helligkeit durchdringt, die frische Luft vor einem verstaubten Laden, oder das Strahlen einer einsamen elektrischen Glühbirne in der Nacht, sondern auch die Stimmung, die dem Bild zugrunde liegt. Geschaffen durch das Auftragen mehrerer Schichten sowie eine souveräne Handhabung der Farbe, die der fotografischen Klarheit eine leicht aufgetragene Farblavierung gegenübergestellt, verstärkt das Licht die Dynamik des Bildes. Zudem gibt die Verwandlung von Farbe in verschiedene Qualitäten des Lichts der Künstlerin die Möglichkeit die Atmosphäre noch einmal zu verdichten – sei es durch den Einsatz von Pastelltönen, künstlich wirkenden Acrylfarben oder einer Palette von dunkleren Farbnuancen um Schatten abzubilden.

     

    Es ist kein Zufall, dass der Ausgangspunkt für viele von Gansters Interieurs Fotografien sind, die die Künstlerin in der Nacht durch Geschäfts- und Bürofenster aufnimmt. Dabei beschränkt sie sich auf die Sicht von Aussen, als ob sie bereits eine Reproduktion des Originals betrachtet. Vielleicht ist es diese Selbstbeschränkung, die Ganster in verstärktem Masse die künstlerische Freiheit gibt, die eigenen Eindrucke und Reaktionen im Spannungsfeld zwischen Repräsentation und Abstraktion, Realität und Fiktion, Erfahrung und Sehnsucht zu interpretieren. Auch wenn sie Fotografien oder Videostandbilder als Ausgangsmaterial verwendet, sollen die Bilder keine Nachbildung des Orts sein, sondern eine andere Version oder Deutung der Wirklichkeit. Die Fähigkeit der Kamera, Abstufungen unterschiedlicher Schärfetiefen zu schaffen, imitiert die Malerin beim Setzen von scharfen Kontrasten zwischen weichen, fließenden Bereichen und Punkten konzentrierter Klarheit. In den jüngeren Arbeiten geht das so weit, dass Bereiche kaum bemalter Leinwand äußerst detailliert ausgearbeiteten Darstellungen von Gegenständen oder Szenen gegenübergestellt werden.

     

    Vergleichbar mit Licht in Form seiner Geschwindigkeit oder als Sterne und Sonne sowie als Medium, das die Beziehung zwischen Raum und Zeit visualisiert wie in Einsteins Relativitätstheorie, verortet das Licht in Gansters Arbeiten die uns bevorstehende Ansicht im Hier und Jetzt– und deutet zugleich an, dass es sich beim Gesehenen um einen Moment handelt, der zwischen dem Vergangenen und dem Künftigen aufgehoben ist. Man spürt, dass die Künstlerin die Orte, die sie darstellt, auch selbst erlebt hat: Dass sie sich, zum Beispiel, einen Weg durch das koloniale Sammelsurium brasilianischer Antiquitätenläden gebahnt, oder die aneinander gereihten Boutiquen in Barcelona durchwandert hat. So gesehen ist ihre Arbeit nicht bloß ein Vorwand für Auseinandersetzungen mit formalen oder abstrakten Anliegen, sondern der Wunsch, Räume zu schaffen, die aus den eigenen emotionalen Reaktionen entstehen und zugleich allgemeine Bedeutung haben.

     

    Tatsächlich agiert das Licht in Gansters Bildern als eine von mehreren Verschiebungen, welche die Entdeckung Einsteins wiederspiegeln, dass Raumzeit nicht geradlinig, sondern gekrümmt ist. Es ist das Licht, das ein Gefühl der imaginären Bewegung durch die Bilder erzeugt. Der Einsatz von Standbildern aus Videos, die am fließenden Celluoid des Computerbildschirms dargestellt werden, verleiht dem Bild eine unmittelbare räumliche Instabilität. Es wird dadurch nahegelegt, dass der Standpunkt der Betrachterin, des Betrachters, nur einer von vielen möglichen Standpunkten in einem sich stets verschiebenden Raum ist. Im Mittelpunkt der oft dichten, dunklen Innenräume erstrahlt das Licht intensiv im Hintergrund der Szene, wodurch der Blick in das Bild hineingezogen wird und zugleich darüber hinaus. Dieses theatralische Moment legt einen narrativen, filmischen Kontext nahe und erinnert an die Künstlichkeit von Science Fiction oder die hyperreale Ausstrahlung der Filme von David Lynch.
    Zudem erzeugt die blendende Qualität des Lichts innerhalb des Bildes einen Leerraum und bildet so ein bedeutendes Gegengewicht zum Beispiel zu den Darstellungen von vollgestopften Läden oder zu den mit mehrfachen Spiegelungen belegten Oberflächen von Wänden und Böden. Auch wenn es sofort erkennbar ist, dass die Gegenstände in der Wirklichkeit eingebettet sind, verwischen sich ihre Umrisse durch die Kombination von Lichtführung und fließenden Pinselstrichspuren bis zu jenem Punkt, wo sich die Ansicht oft fast auflöst.

     

    Im Arbeitsprozess der Künstlerin findet eine weitere Verschiebung statt. Ganster wählt auf ihren Reisen eine Szene aus, um sie auf Film aufzunehmen. Sie fokussiert und schneidet einen Teil eines Standbildes aus – und durch die Verschmelzung der Erinnerungen an die Erfahrung mit den kompositorischen Anforderungen eines Kunstwerks verwandelt sie es in ein gemaltes Bild. Dieser zeitliche Prozess ist keine einfache Übertragung des Realen in eine Fiktion. Vielmehr wird er geprägt durch den Filter der emotionalen Reaktionen der Künstlerin auf den von ihr festgehaltenen Ort, wie auch durch die persönlichen Assoziationen, die die Betrachterin, der Betrachter dem eigenen Lesen der Bilder hinzufügt.
    Der Eindruck, dass das Bild zwischen Wirklichkeit und Traum aufgehoben ist, entsteht in den jüngeren Gemälden von Installationen, die die Künstlerin im Atelier inszeniert und fotografiert, auf andere Weise. Auch wenn sie sichtbar mit Stangen, Karton, Stoffbahnen aufgebaut werden, erscheinen diese Konstrukte eigenartig animiert, als ob sie nicht mit Scheinwerfern von aussen beleuchtet wären, sondern als ob das Licht von innen heraus strahlt. In den Interieurs verhält es sich anders; dort spürt man die Figur an ihrer Abwesenheit, wodurch die Leere der hell beleuchteten Teile seltsam unheimlich wirkt – so als ob etwas die Fläche des Bildraums gerade verlassen hätte, um sich in eine andere Dimension zu begeben.
    In den kleineren Arbeiten dagegen ersetzen abstrakte Konstrukte die vertrauten Szenen.
    Durch das Gefüge der Linien und Flächen, die in einem unbestimmten und zeitlosen Raum rotieren und sich so der Schwerkraft entziehen, wird unser Standpunkt in Frage gestellt. In diesen Werken wird das Licht aus der Beziehung mit der Wirklichkeit entlassen, um – so weit es in der Malerei eben möglich ist – reine Substanz zu werden.

     

    Aus: „Anja Ganster, Entlang der Krümmung“
    Texte von Felicity Lunn, Susanne Buckesfeld, Katharina Dunst und Matthias Weiss
    Kerber Verlag 2009, ISBN 978-3-86678-288-4

     

     

    Matthias Weiss
    Aufenthalt im Transit
    Skizzen über Flure, Korridore und Passagen in der Malerei von Anja Ganster

     

    Zonen des Übergangs. Zwielichtige Bereiche, nicht mehr außen, noch nicht innen. Schwellensphären. Keinesfalls Plätze im Wortsinn. Sehwege durch helle Tunnels. Gänge, die meist durcheilt werden. Oft mit gleißendem Licht am Ende. Dort strandet der Blick. Einen Teil ihrer malerischen Arbeit widmet Anja Ganster einem Sujet, das eigentlich keines ist. Geht man davon aus, dass Orte sich durch eine Art Zielcharakter auszeichnen, sind es in den jüngeren Gemälden der Künstlerin bisweilen Nicht-Orte, Transitgefilde, Flure beispielsweise, die aus ihrer flüchtigen Nichtswürdigkeit enthoben und auf den Leinwänden zu etwas Betrachtenswerten nobilitiert sind. Ein „Korridor“ – Ganster arbeitet seit 2002 an der gleichnamigen Serie – zeichnet sich dadurch aus, dass er keine Aufenthaltsqualität bietet und bieten will und im Sinne einer Dialektik vom Innen und Außen zwar zum Interieur eines Hauses gehört, jedoch einen Besucher, der über die Schwelle getreten ist, immer noch nicht „Da-Sein“ lässt. Warum aber sollte man sich den eher schmucklosen „Schiffskorridor“ von 2008 anschauen? Ist der doch lediglich Infrastruktur. In durchschnittlichen Gebäuden gelingt deren würdige Inszenierung nur selten. Sie erfüllt innerhalb eines Bauwerks vielleicht überall denselben Zweck. Wie aber nimmt man sie wahr? Es lohnt die Mühe, sich beim Durchschreiten einer Hotellobby oder von Fluren in einem Amtsgebäude zu beobachten. Was denkt man dort? Ist man überhaupt an einem Ort oder verweilt man in Gedanken nicht schon längst an dem Ziel, dem Hotelzimmer, dem Sachbearbeiter?

     

    Die Frage, die sich beim Anblick der Gemälde von Anja Ganster stellt, zielt auf die Klärung des Status ihrer Bilder und des Abgebildeten zunächst hinsichtlich ihrer Motivik. En passant: Eine Passage, hier streunt man. Es ist dies das Biotop des Flaneurs, in dessen ziellosem Spazieren die Bewegung vor den Schaufenstern und Augen der anderen ein Zweck an sich ist. Konsumkritik ist aber nicht die Sache der Malerin. Markennamen oder Konsumenten werden nicht vorgeführt. Vielmehr bieten sich Einblicke in Schaufenster („Pharmacy 1, 2“, beide 2008), oder auf Auslagen von Supermärkten oder Tante-Emma-Läden, vor denen der Blick abprallt. Hier zeigen sich Aufsichten mit artifizieller Farbigkeit. Leon Battista Albertis Definition des Bildes als „finestra aperta“ funktioniert nicht mehr. Die ineinander geschachtelten „Rahmen“ sind Abschottung zugleich: „Aquarium Chinatown NY“ (2008) blendet eine Scheibe vor und dennoch erkennt man durch die Schleierschwänze das dahinterliegende Interieur. Flughäfen und verspiegelte Eingangsbereiche. Passanten, die auftauchen, erscheinen als Enteilende, die sich undeutlich in dem verglasten Portal vielfach brechen („Barcelona Airport 1“, 2008). Ein Treppenabgang in der Metro-Station lenkt den Blick auf eine geflieste Mauer. Das Close-Up auf die Hände eines Passagiers in der Untergrundbahn. Auch hier eine Schranke. Dann die Sicht beinahe aus der Vogelperspektive auf eine Baustelle. Ist es die Identifikation, die Empathie, die im Beschauer evoziert wird?

     

    Die meisten Arbeiten sind perspektivisch konstruiert. Es gibt demgemäß ganz traditionell Fluchtpunkte. Doch irritieren Momente, die sich der Arbeitsweise verdanken. Erst einmal das fotografische Bild, spezieller das Digitalfoto. Die Vorlagen entstehen, wenn die Künstlerin auf Reisen ist. Allmählich entdeckt sie etwas, das ihre Aufmerksamkeit weckt und bindet – eine unbestimmte Stimmung. Die digitale Fotografie erlaubt es, sich an das „Unerklärbare“, wie Ganster es nennt, heranzutasten, es ohne Aufwand aus verschiedenen Einstellungen kontrolliert abzulichten. Die „Vorbilder“ belässt sie im Digitalen, malt nach dem Laptop-Bildschirm. Übrigens auch ein Reisegerät, notwendig, wenn man wie die Künstlerin häufig Ort und Atelier wechselt. Das Malen nach einem gepixelten Bild vergleicht Ganster mit der Pleinairmalerei, mit der sie begonnen hat. Anders als ein Papierabzug, ist das Bildschirmbild nicht statisch. Die Darstellung verändert sich stetig je nach Ausschnittsvergrößerung und Standort vor dem Gerät. Ein Indiz hierfür ist die Farbigkeit. Im „Fishshop“ blickt der Betrachter in die Auslagen eines kleinen Geschäfts. Leicht rechts versetzt von der Mittelsenkrechten und annähernd auf dem Bildmittelpunkt steht ein Verkäufer mit einem schemenhaften Blick. Der Verkaufsbereich vorn scheint vom Schlachtraum durch eine gläserne Wand hinten abgetrennt zu sein. Betrachtet man hier die Beleuchtung genauer, so erkennt man an der linken, dass diese aus weißen Kacheln bestehen muss, ihre Farbigkeit jedoch ins Violette tendiert. Das mag eine Folge der Neon-Beleuchtung sein, in Kontrast aber zu dem im Vorraum dominierenden Grün verweist es auf typische Farbartefakte, die Digitalkameras (noch) nicht getreu wiedergeben. Mit dem Ergebnis eines wenig naturalistischen Bildes. Hinzu tritt die teils artifizielle Perspektive, in der Fluchtlinien gebeugt erscheinen, wenn sie auch plausibel erscheinen.

     

    In der Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts fächerten sich die malerischen Handlungsmodelle und Darstellungsmodi des gemalten Gegenstands zusehends auf. Das Interieur heute ist das Ergebnis eines Paradigmenwechsels. Aufgrund der veränderten Alltagserfahrungen des Menschen im ausgehenden 20. und 21. Jahrhunderts mit einer exponentiell gesteigerten Mobilität wandelte sich der Kunstbegriff radikal und inkorporierte Alltäglichkeit als kunstwürdig. Zudem expandierten auch die Motivspektren der Genres und Sujets. Anja Gansters Malerei markiert eine Stelle in der Geschichte dieses mindestens einhundertjährigen Prozesses. In ihren Bildern spiegelt sich unsere gesellschaftliche Gegenwart sowohl in der Bildentstehung und -konzeption als auch in den Motiven und der Art und Weise der Farbbehandlung. Ihre Korridore sind Stillleben, die den Betrachter mit einer melancholischen Sehnsucht nach Dauer impfen. Für die zeitgenössischen Nomaden, einsam und immer in Bewegung, für Augenblicke Halt findend nur an den Handläufen von Rolltreppen und Treppenhäusern, wird es bei dem Blick zurück nach vorn bleiben. Denn wenn man viel reist, muss man sich zwangsweise damit anfreunden, in den Bereichen des Dazwischen ein Stückchen beheimatet zu sein. Räumlich spiegeln die architektonischen Verbindungsstrecken genau diejenigen Emotionen, welche man unterwegs als Erfahrung des Unterwegsseins macht. Als zeitgenössischer Nomade erfährt man seine Wirklichkeit eben anders, ohne die „Festigkeit“ eines Zuhauses. An dieser Erfahrung lässt uns Anja Ganster durch ihre Malerei zwar teilhaben, aber nur indirekt. Sowohl die Perspektive als auch die Farbigkeit und Motivik halten den Betrachter auf Distanz. Der Eindruck, man gehöre eben nicht dazu, weicht nicht, selbst wenn man bestimmte Situationen durchaus mit eigenen Erfahrungen zu teilen vermag.

     

    Aus: „Anja Ganster, Entlang der Krümmung“
    Texte von Felicity Lunn, Susanne Buckesfeld, Katharina Dunst und Matthias Weiss
    Kerber Verlag 2009, ISBN 978-3-86678-288-4

     

     

    Susanne Buckesfeld
    Anja Ganster: Nebenschauplätze – das Alltägliche im Blick

     

    In einem beträchtlichen Teil ihrer Malerei widmet sich Anja Ganster der Darstellung von auf außergewöhnliche Art und Weise illuminierten Räumen des Alltags, die offensichtlich tagtäglich benutzt oder auch bewohnt werden, doch im Moment ihrer Darstellung menschenleer sind. Die Hauptrolle in vielen dieser Interieurs spielen die Dinge des täglichen Lebens – Möbel, Geschirr, technische Geräte, sogar Putzmittel –, so dass diese Werkgruppe Anja Gansters den Stilleben zugeordnet werden kann. Belebt werden die unbewegten Szenerien allein durch das Licht, das jedoch nicht immer natürlichen Quellen zu entstammen scheint. Denn mittels starker Hell-Dunkel-Kontraste und leuchtenden Reflexen wird eine übersteigerte Beleuchtung erzeugt, wodurch die Szenerien ihre teils übersinnliche, teils melancholische Wirkung erhalten. Der lasierende Farbauftrag und eine unscharfe oder auch ganz fehlende Konturierung lassen die Farben auf den Gemälden Anja Gansters stellenweise ineinander verlaufen und bewirken, dass die gezeigten Dinge nicht immer präzise voneinander abzugrenzen sind. Zudem konterkariert der lasierende Duktus die Härte der Kontraste; tritt man näher an Gansters Leinwände heran, verlieren sich Details, die das Auge aus größerem Abstand noch zu erkennen glaubt. Die so entstehende Transparenz ist vergleichbar mit dem Effekt eines flüchtigen Blickes, den man aus einem fahrenden Auto auf die Umgebung wirft, wiewohl die Stilleben natürlich unbewegt sind. Eher ergibt sich solcherart der Eindruck eines kurzen, rasch vergehenden Moments, der nur ein flüchtiges Bild auf der Netzhaut hinterlässt und beim nächsten Augenschlag bereits vergangen ist. Sämtliche Gegenstände der gezeigten Räume scheinen dabei vollkommen vom Licht durchdrungen zu sein, selbst wenn sie eigentlich im Dunkeln liegen, so dass deren Materialität tendenziell aufgelöst wird.

     

    Auf diese Weise taucht Anja Ganster die Dinge buchstäblich in ein neues Licht. Sie verwandelt die Nebenschauplätze des täglichen Lebens – Fensterbänke, Arbeitsplätze, Durchgänge und Raum-Ecken – in Ansichten von herausgehobener, atmosphärischer Schönheit, die der eigentlichen Funktion dieser Plätze zuwider laufen. Ganster stellt dabei die Dinge gemäß ihres täglichen, meist routinemäßig unbewussten Gebrauchs dar: sie sind keineswegs eigens für das Bild arrangiert worden, wie es in den Stilleben von den Niederländern des 17. Jahrhunderts über Chardin und Cézanne bis Morandi noch der Fall war, sondern sie bleiben vielmehr an ihrem angestammten Platz. Die Bildlogik folgt der Anordnung der Dinge im täglichen Leben; lediglich der Einsatz von Bilddiagonalen, deren visueller Sog den Blick in die Tiefe des Raumes lenkt, und die fotografisch wirkenden Bildausschnitte der Gemälde machen – neben der spezifischen Malweise – ihre sorgfältig kalkulierte Komposition augenfällig. So gelingt es Ganster, den Dingen des Alltags, obwohl sie nicht inszeniert sind, eine ästhetische Wertschätzung beizumessen, die der Kunsthistoriker Norman Bryson für Stilleben als grundsätzlich erachtet. Auffällig ist zudem, wie nah Ganster auch den unbedeutenden Dingen zuweilen rückt, etwa in Still-life with cook von 2006, wo ein Glasgefäß, ein Behälter für Stifte und drei kleine Nippes-Figuren die zentralen Protagonisten auf der Bühne eines hell erleuchteten Fensterbrettes sind. Hier wird die prinzipielle Intimität des Blickes deutlich, den die Künstlerin auf die Dinge richtet – es handelt sich durchweg um Räume, die von ihr selbst oder von ihr nahestehenden Personen bewohnt werden, und in denen die Dinge allein von den individuellen Geschichten ihres Gebrauches erfüllt sind, selbst wenn uns diese letztlich verborgen bleiben. Häufig sind durchscheinende Fenster, Bildschirme oder Spiegel zu sehen, die durch ihre farbliche Transparenz überdies das Transitorische der gezeigten Räume betonen, etwa im großformatigen, düsteren Grandmothers Flat von 2004, wo die geöffnete Balkontür zwischen den schattigen Vorhängen ein ebenso unauffälliges wie zeitgemäßes Vanitas-Symbol darstellt.

     

    Auch wenn sie uns real und glaubwürdig erscheinen, wirken die Räume Anja Gansters durch ihre merkwürdige Substanzlosigkeit nur wenig greifbar und kaum verlässlich. In ihrer durchscheinenden Farbigkeit sind die Dinge nicht dazu angetan, uns ihre tatsächliche Beschaffenheit zu offenbaren – etwa ob sie aus Holz, Plastik oder Porzellan sind – oder uns durch ihre haptische Qualität zum Anfassen einzuladen. Mit dem lasierenden Duktus bedenkt Ganster die Einzelheiten der Räume, die Materialien der Dinge und ihre Oberflächenwirkung, allesamt mit gleichbleibender Aufmerksamkeit, keins wird besonders hervorgehoben und wegen seiner Bedeutung in den Vordergrund gerückt. So erzählen die Stilleben Anja Gansters von der Flüchtigkeit des menschlichen Lebens, dessen Bedürfnis nach Schutz und Stabilität in mit überwiegend von alltäglichen Dingen möblierten Wohnungen nur vordergründig erfüllt wird.

     

    Im Angesicht solcher mit gewöhnlichen Gegenständen bestückten Interieurs stellt sich nun die Frage, ob diese Räume, die deutlich die Spuren ihrer Nutzung aufweisen, nur dann schön erscheinen, wenn sie leer sind und daher für einen Moment der Benutzung enthoben? Dabei ist zu berücksichtigen, dass gerade die Funktionalität dieser Räume als Flur, Küche oder Arbeitsraum das eigentlich Prägende ist und die Eigenarten ihrer Gestalt und Gestaltung ausmacht. Deshalb gibt es in den Gemälden Anja Gansters keinen wesentlichen Unterschied zwischen Schönheit und Nützlichkeit – gerade das Nützliche, das aus der Sphäre des Alltags entstammt, erweist sich in ihren Arbeiten als von eigenartiger Schönheit. Stendhals promesse de bonheur, jenes berühmte Versprechen des Glücks, das für den romantischen französischen Schriftsteller in der Schönheit begründet lag und damit dem Alltag diametral entgegengesetzt war, verwirklicht sich für Ganster auch und gerade mit solchen Dingen, die wir tagtäglich zur Verrichtung unserer Aufgaben und Pflichten benutzen – selbst wenn sich die Schönheit dabei nur in Momenten von kurzer Dauer offenbart. Die Art ihrer Darstellung korreliert dabei mit dem Grad der Aufmerksamkeit, dem wir solchen in erster Linie funktionalen Räumen wie etwa einem Flur gewöhnlich beimessen: da wir sie tagtäglich durchschreiten, fallen uns diese Nebenschauplätze gewissermaßen nicht mehr ins Auge. Mit ihrer Malerei hält Anja Ganster explizit gegen solche Indifferenz und öffnet den Blick für die Schönheit alltäglicher Schauplätze, die unserem Bewusstsein häufig zu entgehen droht. Das kontrastive Kolorit ergibt zusammen mit den dramatisch überspitzten Perspektivierungen Kompositionen von eindringlicher Kraft, die genuin malerisch sind und über das allein Mimetische hinausgehen. So wird das Glücksversprechen im Sinne Stendhals im eigentlich Kleinen und Unbedeutenden gesehen, das uns täglich zur Verfügung steht, nicht aber in den Formen großartiger, entrückter Schönheitsvorstellungen, die vergehen, sobald sie ihr Versprechen einlösen.

     

    Aus: „Anja Ganster, Entlang der Krümmung“
    Texte von Felicity Lunn, Susanne Buckesfeld, Katharina Dunst und Matthias Weiss
    Kerber Verlag 2009, ISBN 978-3-86678-288-4