malerei skulptur installation fotografie

Wolfgang
Ellenrieder

  • »www.wolfgang-ellenrieder.de
  • Vita

     

    1959
    in München geboren

     

    1981–1988
    Akademie der Bildenden Künste München

     

    2000
    Gastprofessur an der Universität Paderborn

     

    seit 2010
    Professor an der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig

     

    lebt und arbeitet in München und Braunschweig

     
     

    Ausstellungen

     

    Einzelausstellungen
     
    2014
    »Goldene Attrappen«, Josef Filipp Galerie, Leipzig
     
    2013
    »recycling«, Museum van Bommel van Dam, Venlo, NL
    »recycling«, Galerie Heufelder, München
    »Hybrid«, Städtische Galerie Wolfsburg
    »Hybrid«, Galerie der HBK Braunschweig
     
    2012
    »Hunting and Gathering«, RH Gallery, New York, US
    »Der elastische Knall«, Galerie E105, Berlin
     
    2011
    »Alles auf Anfang«, Filipp Rosbach Galerie, Leipzig
    »time is out of joint«, RH Gallery, New York, US
    »Remix«, Kunstverein Reutlingen
    »Blinde Flecken«, Galerie Michael Heufelder, München
     
    2009
    »private desaster«, Galerie van den Berge, Goes, NL
    »stands for attitude“, Locuslux Gallery, Brüssel, BE
    »Chaostage«, Kunstverein Ulm
    »private desaster«, Galerie Michael Heufelder, München
     
    2008
    »Mittlere Katastrophen«, Kunstverein Würzburg
    »2 1/2 Zimmer«, Filipp Rosbach Galerie, Leipzig
    »Wärme«, Galerie cp, Wiesbaden
     
    2007
    »und dann waren wir jeden Tag wo anders«, Kunstverein Rosenheim
    »My private 2nd life«, Filipp Rosbach Galerie, Leipzig
    »Musterbau«, e.on München
    »Glamour«, Kunstverein Konstanz
     
    2006
    »parallel«, Museum van Bommel van Dam, Venlo, NL
    »windowlicker«, Kunstverein Ludwigshafen
    »Daheim ist auch Zuhause«, Kunst Raum Hüll
    »Boys«, Galerie Hermeyer, München
    »leuchten«, Galerie Heufelder & Koos, München
     
    2005
    »translocation of a virtual reality«, Galerie InSitu, Aalst, BE
    »camp«, gip contemporary, Zürich, CH
    »homezone«, Galerie van den Berge, Goes, NL
     
    2004
    »Wolfgang Ellenrieder«, Galerie expo 3000, Berlin
    »Neue Räume«, Galerie cp, Wiesbaden, DE
     
    2003
    »strange fruits«, Galerie im Park, Burgdorf, CH
    »FreshFresh«, Galerie InSitu, Aalst, BE
    »Cold Cut«, deWillem3, Vlissingen, NL
    »Erlebniswelt«, Kunstverein Friedberg, DE
    »In surround«, Galerie van den Berge, Goes, NL
     
    2002
    »p_park«, Galerie Albrecht, München
     
    2001
    »Layers«, Galerie InSitu, Aalst, BE
    »Labor«, Maximiliansforum, München
     
    2000
    »surrogate«, KunstRaum Hüll, DE
     
    1999
    »Super•Bunt«, Kunstverein Freiburg, DE
    »Heart of Darkness«, Galerie Eugen Lendl, Graz, AT
    »Wolfgang Ellenrieder«, W3 Galleries, Vlissingen, NL
     
    1998
    »Samples«, TBA, Chicago, US
    »Flavours«, Schloß Pillnitz, Dresden, DE
    »Grün«, Kunstverein Leipzig, DE, kuratiert von Josef Filipp
     
     
    Gruppenausstellungen (Auswahl)
     
    2013
    »Malerei«, Galerie Der Spiegel, Köln
    »Schöne Landschaft/Bedrohte Natur«, Kunsthalle Dominikanerkirche, Osnabrück
    »Desire«, El Segundo Museum of Art, El Segundo, CA, US
     
    2012
    »120«, Verein für Original-Radierung, München
    »Jahresgaben«, Kunstverein München
    »Orte–Places–Endroits«, Städtische Galerie Kubus, Hannover
    »Seaside 2012«, Josef Filipp Galerie, Leipzig
    »Eros und Thanatos«, Arbeiten aus der Sammlung Rusche, Werkschauhalle, Leipzig
    »Bang Bang – Tatort Kunst«, Haus für Kunst Uri, Altdorf, CH
     
    2011
    »Bang Bang«, CCA Andratx, Mallorca, ES
    »Gaumenfreuden – Augenschmaus«, Kallmann-Museum, Ismaning
    »Zartbitter“, Galerie E105, Berlin
    »Unscharf«, Hamburger Kunsthalle
    »Blickkontakte«, Anhaltinische Gemäldegalerie Dessau
     
    2010
    »the third meaning«, RH Gallery, New York, US
    »Flachsland rauscht«, Galerie E105, Berlin
    »/+=X«, F404, Kapstadt, ZA
    »Druckgraphik«, Südtiroler Künstlerbund, Bozen, IT
     
    2009
    »Menschenbilder 1620/2009 – Zeitgenössische Bildnisse begegnen alten niederländischen Portraits« /Werke aus der Sammlung SØR Rusche, Museum Abtei Liesborn, Wadersloh-Liesborn, DE
    »Malerei ist immer Abstrakt /Gegenwartskunst aus der Sammlung der Pinakothek der Moderne«, Glaspalast Augsburg, DE
    »Kollaps«, Kunstverein Mistelbach, AT
    »Von Liebeslust und Lebenslast – der inszenierte Alltag«, Niederländische Genremalerei des 17. Jahrhunderts trifft auf das Figurenbild der Gegenwart /Werke aus der Sammlung SØR Rusche, Museum Höxter-Corvey, Schloß Corvey, DE
    »Die Gegenwart der Linie. Eine Bestandsauswahl neuerer Erwerbungen des 20. und 21. Jahrhunderts«, Pinakothek der Moderne, Kunstareal München
    »LUBOK im Museum«, Museum der bildenden Künste Leipzig
     
    2008
    »Die Sprache der Dinge. Stillleben aus der Sammlung SØR Rusche«, Anhaltische Gemäldegalerie Dessau
    »Magie van het Geschilderde Beeld«, Kunstcentrum W3, Vlissingen, NL und Lanchester Gallery, Coventry, UK
    »Landschaft entdecken« Sammlung SØR Rusche, Kunstsammlung Gera/ Orangerie, Gera
     
    2007
    »Zurück zur Figur«, Kunsthal Rotterdam, NL und Kunsthaus Wien, AT
    »an de Hand van …«, Museum van Bommel van Dam, Venlo, NL
    »Idyll«, Künstlerverein Walkmühle, Wiesbaden
    »slow food«, Künstlerhaus Bethanien, Berlin
    »Magie van het Geschilderde Beeld«, Stedelijk Museum Aalst, NL
     
    2006
    »Grand Ouvert«, Filipp Rosbach Galerie, Leipzig
    »Zurück zur Figur«, Hypo Kunsthalle, München und Franz Gertsch Museum, Burgdorf, CH
     
    2005
    »vom Bild // zum Bild«, Museum Rupertinum, Salzburg, AT
    »Kunst vom Stein«, Staatliche Graphische Sammlung, München
    »[mijn] [domein]«, Zware Plaatwerkij, KSG-Terrein, Vlissingen, NL
     
    2004
    »true lies«, franz gertsch museum, Burgdorf, CH und Kallmann Museum, Ismaning
    »de Magie van het Beeld II«, Galerie InSitu, Aalst, BE
    »StadtLage 2004«, Neue Galerie Landshut
    »Diamonds«, Galerie im Park, Burgdorf, CH
     
    2003
    »history is what’s happening«, de smederij, Heerlen, NL
    point of view«, Galerie im Park, Burgdorf, CH
     
    2002
    »per saldo«, Noordbrabants Museum, ‘s-Hertogenbosch, NL
     
    2001
    »Kunst für Kaliningrad«, Museum Ostdeutsche Galerie Regensburg
    Kaliningrader Kunstgalerie, Kaliningrad, RU
    »intim«, Neue Galerie Landshut
    »Unter Wasser«, Museum Bellerive, Zürich, CH
    »Transgression – ein photographischer Diskurs«, Künstlerhaus Wien, AT
    »exturnal viewing«, Stichting Idee-fixe, Breda, NL
     
    1999
    »Bildwuchs«, Kunstverein Ulm
     
    1998
    »Bayerische Kunst unserer Tage«, Ukrainische Nationalgalerie, Kiev, UA
     
    1997
    »Aktuelle Kunst aus Bayern«, Jian Art Gallery, Shanghai Art Gallery, RC
    Beijing Art Gallery, RC
     
     

    Awards
     
    1990
    DAAD-Stipendium für Großbritannien
     
    1992
    Stipendium Cité Internationale des Arts, Paris
     
    1994
    Deutscher Kunstpreis der Volksbanken und Raiffeisenbanken
     
    1995–1997
    Lehrauftrag an der Fachhochschule für Gestaltung, Augsburg
     
    1996
    Bayerischer Staatsförderpreis für Bildende Kunst
     
    1997
    Arbeitsstipendium des Kunstfonds, Bonn
    Förderkoje Art Cologne
     
     

     
    Reinhard Spieler:
    Augenlust und Sündenlast
    In: Cold Cut, Revolver – Archiv für aktuelle Kunst
     
    In vielen Bildern von Wolfgang Ellenrieder tauchen runde oder eiförmige Gebilde auf, meist als plastische Körper mit starker dreidimensionaler Wirkung ausgebildet. Sie erscheinen in der Regel gleich mehrfach in einem Bild und schillern dabei in unterschiedlichsten Farben. Auch das Spektrum ihrer An- und Einbindung in die Umgebung ist groß und reicht von einer losgelösten, fast schwebenden solitären Existenz über eine fruchtähnliche Anknüpfung an Pflanzenstengel, Aufreihungen an samenartige Fäden, bis hin zu größeren Akkumulationen. Die Assoziationen, die sich mit diesen Gebilden verbinden, sind ebenso direkt wie vieldeutig. Sie führen, je nach Gestaltung, in drei verschiedene Bereiche: zum einen lassen sie an Früchte wie Weintrauben oder verschiedene Beeren denken; zum zweiten führen sie uns in die Welt von Sexualität und Fortpflanzung und schließlich erinnern sie an freigelegte Augäpfel.
     
    Dabei scheint die formale Gestaltung für alle drei Bereiche recht ähnlich zu sein; allein Perspektive und Einbettung in die jeweilige Bildkomposition verändern die gegenständliche Zuordnung. Ellenrieder stellt die runden oder eiförmigen Gebilde jeweils in einen neuen Kontext und dekliniert so ein formales Element durch verschiedene Inhalte. Sozusagen als Meta-Thema ziehen sich wie ein roter Faden durch alle Arbeiten die Fragen: Was ist ein Bild? Wie kommt es zustande? Was sind die Bedingungen seiner Wahrnehmung? Was ist nötig, um eine Form als Gegenstand wahrzunehmen? Wie gestaltet sich das Verhältnis von Vor-Bildern, die wir bereits im Kopf gespeichert haben, zu neuen Bildern? Ellenrieder ist ein Bildergenerator, der unsere Bildwahrnehmung immer wieder aufs Neue in Frage stellt, scheinbar Vertrautes entfremdet und Fremdes ganz vertraut erscheinen lässt. Er ist ein Fallensteller, der den Betrachter mit verführerischer Konsequenz in die (Sünden-)Falle der Wahrnehmung tappen lässt. Auf den ersten Blick scheinen die drei Deutungsvarianten der Ellenriederschen Gebilde – Früchte, Eier, Augen – einmal abgesehen von ihrer optischen Verwandtschaft im Motiv der Rundkörper, nicht allzu viel miteinander gemein zu haben. Doch dies gilt nur für den ersten Anschein, denn in der christlich-abendländischen Kultur sind Früchte, Sexualität (bzw. Fortpflanzung) und Augensinn aufs engste miteinander verknüpft, und Ellenrieder nimmt diese Verbindung zum Anlass, um über das sinnliche Erlebnis des Sehens – mithin der Wahrnehmung von Malerei – nachzudenken.
     
    Die Eckpunkte dieser Verbindung, so wie sie die christliche Kultur definiert hat, seien hier noch einmal vorgestellt: Zunächst einmal gibt es eine Verbindung zwischen Frucht und Augensinn, der in der christlichen Diktion mit Erkenntnis bezeichnet wird. So verspricht der Genuss der Frucht vom verbotenen Baum im Paradies Erkenntnis – Erkenntnis der Unterscheidung von Gut und Böse: „An dem Tag, da ihr davon esset, werden eure Augen aufgetan und ihr werdet sein wie Gott und wissen, was gut und böse ist.“ 1 Explizit heißt es an dieser Stelle auch, dass die Frucht vom verbotenen Baum „eine Lust für die Augen wäre“ 2. In der biblischen Praxis allerdings erweist sich der Erkenntnisvorgang etwas anders: Die Erkenntnis nach dem Genuss der Frucht bewirkt das Erkennen des (anderen) Geschlechts: „Und sie wurden gewahr, dass sie nackt waren.“ 3 Und bezeichnenderweise wird in der biblischen Terminologie das Wort erkennen („und sie erkannten sich“) für die Vereinigung von Mann und Frau verwendet. Der Rückschluss mit dem Sündenfall erfolgt in der katholischen Kirche dann wiederum mit der Tabuisierung und Dämonisierung der Sexualität, indem Sexualität mit Sündenfall gleichgesetzt wird. Paradoxerweise wurde dadurch der Erkenntnisvorgang, eigentlich ein intellektueller Prozess, mit einem physisch-sinnlichen Erlebnis gleichgesetzt.
     
    Eben diese interessante Konstellation gibt auch den Diskursrahmen von Ellenrieders Malerei ab. Gleich der Biblischen Verquickung von Frucht, Lust, Erkenntnis und Sündenfall siedelt sich auch seine Malerei in diesem Problemfeld an. Schon die Szenerie, die an archaische Ur-Landschaften erinnert, stellt den Kontext zu paradiesischen Zeiten her. Versucht man eine Beschreibung dieser Szenerien, so gerät man schnell in wertende Kategorien, die allerdings sehr unterschiedlich ausfallen können. Von Faszination, Lust, Reiz der Oberfläche, von saftigen organischen und pflanzlichen Strukturen ist da bei den Interpreten einerseits die Rede, von Ekel, Schimmel, von „Glupschen, Glotzen, Schmatzen“ 4 andererseits. Es ist eine Welt, die dem Treiben eines tropischen Regenwaldes entspricht: Alles strotzt vor Lebenskraft und Fruchtbarkeit, und gleichzeitig liegt der Duft der Fäulnis über allem, die mit ebenso viel Kraft alles Lebendige zersetzt und wieder zu neuem Dung transformiert.
     
    Ähnlich der biblischen Erzählung findet bei Ellenrieder ein Transformationsprozess des intellektuellen Vorgangs – Erkenntnis – in ein kulinarisches Erlebnis statt. Was in der Bibel der Genuss des Apfels, stellt sich bei Ellenrieder als Malerei dar, die quasi durch den Magen geht: eine Malerei, die unmittelbar an emotionale Wahrnehmungs- und Erlebnisprozesse appelliert. Das scheinbare Wuchern, Wabern, Sprießen und die akustischen Assoziationen von Glucksen, Gurgeln, Schmatzen etc., die sich angesichts der Motive einstellen, lassen sich als optischer Verdauungsvorgang beschreiben. Der Betrachter steckt mitten im optischen Verdauungstrakt und wohnt unmittelbar dem Stoffwechselprozess bei: In der Außenwelt Gesehenes wird dabei umgewandelt, mit Flüssigkeit und Farbe vermengt, durchgewalkt, geknetet, durch die Spritzpistole gejagt, neu geformt. Einige Formen überleben die Verdauung einigermaßen, andere werden vollkommen zersetzt und gehen in neuen Formen auf. Und ähnlich wie beim „normalen“ Verdauungsvorgang sind die Stoffwechselprodukte nicht immer ganz appetitlich. Die Appetitlichkeit der Genuss-Objekte regt zum Essen an; bei der anschließenden Verdauung hingegen geht es um Energiegewinnung, in diesem Fall in Form von Erkenntnis neuer Sichtweisen, um die Schärfung unseres Sehapparates.
     
    Erstaunlich an dieser Bilderwelt ist dabei, dass Ellenrieder immer wieder für scheinbar unvereinbare Gegensätze eine gemeinsame Form findet, die dennoch den Assoziationsspielraum für dieses Paradoxon nicht nur aufrecht erhält, sondern erst richtig anregt. Das funktioniert nicht nur mit den ambivalenten Gefühlen von Lust und Ekel, Anziehung und Abstoßung angesichts der Motivwelt, sondern auch auf anderen Ebenen. So kehrt Ellenrieder beispielsweise die Perspektiven und die Begriffe von Nah und Fern oftmals um. Weiße Gebilde, an Watte, Zuckerwatte oder Eier erinnernd scheinen sich plastisch aus dem Bild heraus zu wölben, also die oberste Malschicht zu bilden. Bei näherer Betrachtung zeigt sich aber: Die hellen Stellen sind in Wahrheit „Löcher“, blinde Flecken im Farbauftrag, mit denen Ellenrieder den Blick bis auf mit Kreide grundierten Malgrund freigibt. Die Positivform erweist sich als Negativform, konvex als konkav. Und auch inhaltlich gesehen ergibt sich daraus eine interessante Metapher: Das Ei als Keimzelle neuen Lebens ist hier nicht mehr und nicht weniger als die leere weiße Leinwand, vor der der Maler steht, wenn er ein neues Bild beginnt.
     
    Auf ähnliche Weise setzt er Blickrichtung und Blickachse in Bildern wie Schusser, Pearl In, oder in den Fotoarbeiten der body check Serie ein. Die klare Rollenverteilung von Betrachter und Bild löst sich auf, ist nicht mehr eindeutig: Das Bild selbst thematisiert das Sehen; der Betrachter wird plötzlich vom Bild angestarrt und damit zum Objekt. Was bei Remy Zauggs Schriftbildern ins Abstrakt-Intellektuelle gebrochen wird – „SCHAU, ICH, DAS BILD, SCHAUE DICH AN“ – , kleidet Ellenrieder in ein sinnliches Erlebnis mit einem gewissen Schockmoment. Denn die Augen wirken, ihres natürlichen Köperkontextes beraubt, beunruhigend und gespenstisch – ein Eindruck, der einen ins Niemandsland zwischen Schlachthof und surrealistischer Geisterstunde führt. Umgekehrt begibt sich der Betrachter in die Rolle eines Voyeures, der versucht, zwischen den Zweigen und Blättern mehr von dem ihm dargebotenen Stück Haut zu erhaschen.
     
    Irritierend in Ellenrieders Bildwelt kommt schließlich hinzu, dass organisch-vegetabile mit synthetisch-virtuellen, zum Teil auch technoiden Strukturen und Gebilden bruchlos amalgamieren. Auch hier treffen zwei Welten aufeinander, wie sie eigentlich gegensätzlicher nicht sein könnten. Es bleibt weitgehend unklar, auf welchen Grundlagen die Bilder beruhen: Sind es real existierende Naturvorbilder, sind es fiktive malerische Imaginationen oder sind es vielmehr am Computer generierte, virtuelle Bilder, die dann wiederum mit malerischen Mitteln umgesetzt werden?
     
    Der Betrachter ist jedenfalls versucht, sich zu versündigen, vom Baum der Bild-Erkenntnis zu essen, seine Augenlust zu befriedigen und zu hoffen, damit zur Erkenntnis zu gelangen, was in diesem Bilderkosmos „wahr“, „falsch“ oder vielleicht „gelogen“ ist. Die Kunstwelt jedenfalls scheint liberaler als die katholische Kirche: Die Bilderlust wird weder dämonisiert noch bestraft, auch wenn Ellenrieder das eine oder andere faule Ei in seinen Bildern versteckt, die vordergründige Lust sich unversehens in Unwohlsein verwandeln mag und auf den Magen drücken kann. Gut verdaut jedenfalls versprechen die Bilder spielerische Einsicht, Einsicht nicht nur in den Prozess ihrer Entstehung, sondern Einsicht auch in das Wesen der Augenlust, das nicht so sündig ist, wie uns die Kirche glauben machen mag.
     
    1. Genesis, 1. Buch Mose 3.5.
    2. Ebd., 3.6.
    3. Ebd., 3.7.
    4. Stephanie Rosenthal, glotzen und glupschen, in: surrogate S. 12, Ausstellungskatalog KunstRaum Hüll.
     
     

     
    »Werkstatt – Wolfgang Ellenrieder«, 2011, Prestel Verlag, 70 Seiten, 4-farbig,
    mit Texten von Stephan Berg und Wolfgang Ullrich. deutsch/englisch,
    ISBN 978-3-7913-4504-8
     
    »Chaostage und mittlere Katastrophen«, 2009, 32 Seiten, 4-farbig, Kunstverein Ulm,
    mit einem Text von Franz Schneider, deutsch
     
    »Musterbau – Wolfgang Ellenrieder«, 2008, 32 Seiten, E.ON Energie Kommunikation,
    Texte von Bärbel Tannert, Hubertus Gaßner; deutsch/englisch.
     
    »parallel«, 2006, 96 Seiten, 4-farbig, Kerber Verlag, mit Texten von Joachim Jäger,
    Stephan Berg, Barbara Auer, Wolfgang Ullrich und Rick Vercauteren; deutsch/englisch,
    ISBN 3–938025-97-2.
     
    »Cold Cut«, 2004, 96 Seiten, 4-farbig, Revolver – Archiv für aktuelle Kunst, mit Texten
    von Roger Fayet, Hubertus Gassner, Reinhard Spieler, Margit Zuckriegl und Thomas Palzer,
    deutsch/englisch, ISBN 3–937577–05–X.
     
    »surrogate«, 2000, 32 Seiten, 4-farbig, Kunst-Raum Huell, mit Texten von
    Andreas Strobl, Stephan Berg, Thomas Palzer und Hanne Weskott.
     
    »Super-Bunt«, 1999, 64 Seiten, 4-farbig, Kunstverein Freiburg, mit Texten von
    Stephan Berg und Thomas Palzer.
     
    »sampler«, 1997, 48 Seiten, 4-farbig, TBA Chicago und Goethe-Institut Chicago,
    mit einem Text von Hubertus Gassner, deutsch/englisch.